Wozu Kunst?

Wozu Kunst?  

Einige Gedanken allgemeiner Natur und zu Karl Philipp Moritz im Besonderen

Die Corona-Pandemie und die Strategien, wie die Politik darauf reagiert, haben die Frage aufgeworfen, ob und inwiefern Kunst „systemrelevant“ ist. Ich bin mit jeder Faser davon überzeugt: Kunst ist existentiell. Bildende Kunst, Musik, Theater, Tanz, Literatur etc. – Kunst also in einem umfassenden Sinne verstanden – sind nicht vom Menschen ablösbar. Warum ist das so? Wozu „macht“ der Mensch Kunst? Und warum setzt er sich ihr als Betrachterin, Zuhörer, Leserin etc., oder im Plural: als Publikum, aus? Im Jahr 2021 möchte ich zu dieser genauso kurzen wie schwierigen Frage Gedanken und Argumente sammeln und erwägen. Diese Sammlung soll in Form von Texten und Gesprächen mit Künstlerinnen, Künstlern und Kulturschaffenden nach und nach eine vielstimmige, perspektivenreiche Zusammenschau ergeben. Dabei wird es vor allem um die Funktionen von Kunst in unserer Gesellschaft gehen. Der argumentative Gang wird notwendigerweise auch Begriffsbestimmungen und -diskussionen mit sich bringen, zum Beispiel: Was ist das – „Kunst“? Oder auch: Was ist das – „Publikum“?

Kunst, Individuum, Publikum und Gemeinschaft

Die Frage „Wozu Kunst?“ ermöglicht eine mehrfache Perspektive: Was hat es mit dem künstlerischen Ausdruckswillen des Menschen selbst zu tun? Warum sucht der Mensch als aufnehmendes Subjekt die Begegnung mit Kunst? Warum schließt er sich dabei zu einer Publikumsgemeinschaft zusammen? Warum fördern und ermöglichen Gesellschaften Kunstschaffen und Kunsterlebnisse? Welche Verbindung besteht zwischen Kunst und ihren Zwecken?

Kunst ist in jedem Falle: unvermeidbar. Sobald der Mensch im Holozän erscheint, tritt er uns auch als Künstlerin und Künstler entgegen. Der Drang zum künstlerischen Ausdruck ist dem Menschen eingeschrieben, wie das Atmen, das Fühlen, das Denken und Erkennen. Doch gab es schon vor etlichen 10.000 Jahren auch ein Publikum für die frühen Künstlerinnen und Künstler in den Höhlen von Chauvet, Borneo oder Kapowa? Weil der homo sapiens ein soziales Wesen ist, kann man getrost davon ausgehen. Und auch als individueller Betrachter (oder auch: Zuhörer) wird der Mensch früh die An- und Aufregung durch Kunst gesucht haben. Erwägt man den logistischen Aufwand der frühen Meisterbilder in den steinzeitlichen Höhlen, wird man außerdem zu dem Schluss kommen, dass auch schon die ersten Gesellschaften Kunstermöglichung als gemeinschaftliche Aufgabe sahen: Ohne eine koordinierte Unterstützung von Vielen sind die paläolithischen Monumentalwerke nicht denkbar.

Dass die Kunst notwendig zur menschlichen Existenz und Gemeinschaft gehört, ist auch eine Überzeugung, die zu den Gründungsnarrativen der postfeudalistischen Gesellschaft und damit auch noch unserer eigenen Gegenwart in Deutschland zählt. Im Nachdenken über die Herausbildung und Bedingungen der künftigen Gemeinschaft spielt Kunst im 18. Jahrhundert eine zentrale Rolle. Man kann dazu natürlich Goethe, Schiller, Kant und andere Berühmtheiten als Zeugen nehmen. Oder zum Auftakt dieser Sammlung den Schriftsteller und Theoretiker Karl Philipp Moritz befragen, ein früh verstorbenes Originalgenie, der 1788 mit seiner Schrift „Über die bildende Nachahmung des Schönen“ inspirierende Gedanken zu Kunst, Künstlertum und Kunstempfindung geliefert hat.

Karl Philipp Moritz (1756-1793): Das Ganze der Schöpfung erfahren

Moritzens Text ist als Ausgangspunkt unter anderem so reizvoll, weil er einen echten emanzipatorischen Clou enthält, eine Zumutung, die noch heute fühlbar ist. Er befreit den Künstler völlig von allen Zwecken, Verpflichtungen und Funktionen: „[…] „das bildende Genie ist daher im großen Plane der Natur zuerst um sein selbst“ da. Der Künstler hat größte Autonomie, er ist kein Handwerker, kein Dienstleister, kein Leistungserbringer, er ist in erster Linie nur sich verpflichtet. Auch das Kunstwerk, das Schönheit an sich anschaulich und empfindbar macht, besteht, so Moritz, jenseits aller Funktionen und allen Nutzens. Es entsteht aus dem menschlichen Drang zur Schönheit. Aber dann kommt doch eine Bindung, und zwar eine ganz zentrale: die Bindung an die Natur und ihren großen Zusammenhang. Weil der Künstler aus dem tiefen Vollgefühl des Zusammenhang alles Seins heraus überhaupt erst Kunst zu schaffen vermag (nämlich das „Schöne nachzuahmen“), lässt er in den übrigen Menschen eine Ahnung vom Zusammenhang der Natur entstehen. So lautet das oben Zitat vollständig: „Das bildende Genie ist daher im großen Plane der Natur zuerst um sein selbst und dann erst um unsertwillen da, weil es nun einmal außer ihm noch Wesen gibt, die selbst nicht schaffen und bilden, aber doch das Gebildete, wenn es einmal hervorgebracht ist, mit ihrer Einbildungskraft umfassen können.“ Die Menschen, die nicht Künstler sind, erfahren durch das künstlerische Werk eine Ahnung vom größten Schönen. Dieses höchste Schöne ist nichts anderes als das Innewerden des Aufgehobenseins in der Schöpfung: „Sonst würde freilich der Zusammenhang der ganzen Natur, welcher zu sich selber, als zu dem größten uns denkbaren Ganzen, die meisten Beziehungen in sich faßt, auch für uns das höchste Schöne sein, wenn derselbe nur einen Augenblick von unsrer Einbildungskraft umfaßt werden könnte.“ Im Schönen der Kunst offenbart sich dieser Zusammenhang nicht für die „Einbildungskraft“ und auch nicht für die „Denkkraft“, sondern für die „Bildungskraft“ und das „Empfindungsvermögen“: „Das Schöne kann daher nicht erkannt, es muß hervorgebracht – oder empfunden werden.“

Wozu also Kunst bei Moritz? Weil der Mensch Teil eines großen natürlichen Zusammenhangs ist, der durch den Künstler und sein Werk auch für das nichtkünstlerische Subjekt empfindbar wird. Der Mensch hat einen Drang dazu, dieses Weltverhältnisses innezuwerden. Damit drängt es den Menschen, auch den Nichtkünstler, zur Kunst und zu ihrem „Nachgenuss“. Auch wenn der Begriffs- und Ideenapparat, mit dem Moritz operiert, mehr als zweihundert Jahre alt ist, fasziniert der Gedanke auch heute noch: dass Kunst dazu da ist, den Menschen ihr Verhältnis zur Welt, ihre Einbindung ins Sein, spürbar werden zu lassen. Existenzieller geht es kaum. Und tröstlich ist es auch: Das Weltverhältnis ist nämlich im höchsten und tiefsten Sinne: schön.

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